Wissen
Schreddern ohne Löschen: Warum zerkleinerte Festplatten keine gelöschten Daten sind
Ein Schredder zerstört das Gehäuse, nicht die Daten. Was auf einer Festplattenscheibe gespeichert ist, sitzt als Magnetisierung auf der Oberfläche – und bleibt auf jedem Bruchstück erhalten, ob es fünf Zentimeter groß ist oder einen Millimeter.
Roland Block, Laborleiter ·

Wir retten seit 2007 Daten von Festplatten, die andere aufgegeben haben: nach Bränden, nach Wasserschäden, mit zerkratzten oder gebrochenen Scheiben. Aus dieser Arbeit kennen wir eine einfache Regel: Daten verschwinden nicht, weil ein Datenträger kaputt ist. Sie verschwinden erst, wenn die Information selbst entfernt wird. Genau das leistet ein Schredder nicht. Und auch das Gegenteil reicht nicht: Wer eine Festplatte nur mit einem gewöhnlichen Löschprogramm überschreibt, lässt ausgetauschte Sektoren und versteckte Bereiche ungelöscht zurück – mehr dazu in unserem Beitrag Datenlöschung: warum Löschsoftware nicht alles löscht.
Wo die Daten auf einer Festplatte sitzen
Eine Festplatte speichert jedes Bit als winzigen magnetisierten Bereich auf der Oberfläche ihrer Scheiben. Aktuelle Laufwerke erreichen eine Aufzeichnungsdichte von rund 1,2 Terabit pro Quadratzoll. Umgerechnet sind das etwa 1,9 Milliarden Bit – rund 230 Megabyte auf einem einzigen Quadratmillimeter Scheibenoberfläche.
Diese Magnetisierung hängt nicht davon ab, ob die Scheibe ganz ist. Bricht die Scheibe, liegt auf jedem Bruchstück weiter genau das, was vorher an dieser Stelle gespeichert war. Rechnet man die Partikelgrößen der Norm DIN 66399 in Speicherfläche um, ergibt sich für ein aktuelles Laufwerk:
| Sicherheitsstufe | größte zulässige Partikelfläche | Daten auf einem Partikel (rechnerisch) |
|---|---|---|
| H-4 | 2.000 mm² | rund 450 GB |
| H-5 | 320 mm² | rund 70 GB |
| H-6 | 10 mm² | rund 2,3 GB |
| H-7 | 5 mm² | rund 1,1 GB |
| zum Vergleich: 1 × 1 mm | 1 mm² | rund 230 MB |
Ältere Laufwerke speichern weniger pro Fläche, aber das Prinzip ist dasselbe. Auch ein Partikel der höchsten Sicherheitsstufe trägt so viel Information wie eine ganze Fotosammlung.
Schwer lesbar heißt nicht unlesbar
Natürlich lässt sich ein Bruchstück nicht in ein Laufwerk einbauen und auslesen. Man braucht dafür Mikroskopie, die magnetische Strukturen sichtbar macht, und viel Rechenarbeit, um aus den Rohdaten wieder Bits und Sektoren zu machen. Dass sich die Spuren auf einer Scheibe mit Magnetkraftmikroskopen abbilden lassen, ist in der Forschung seit den 1990er-Jahren gezeigt. Heute ist das aufwendig. Die Frage ist, wie lange noch.
Ein Beispiel dafür, wie schnell sich „unlesbar“ ändert: Beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 verkohlten in Herculaneum Hunderte Papyrusrollen. Fast 2.000 Jahre lang galten sie als verloren – jeder Versuch, sie aufzurollen, zerstörte sie. 2023 wurde mit Computertomografie und künstlicher Intelligenz das erste Wort aus einer geschlossenen Rolle gelesen. 2025 folgten Titel und Autor einer ganzen Schrift, ohne dass die Rolle je geöffnet wurde.
Was heute nur mit großem Aufwand lesbar ist, ist morgen Routine. Wer eine Festplatte heute nur zerkleinert, verlässt sich darauf, dass das auch in zehn oder zwanzig Jahren niemand kann – solange die Bruchstücke irgendwo existieren.
Was die Sicherheitsstufen tatsächlich messen
Die Norm DIN 66399 teilt die Vernichtung von Datenträgern in sieben Sicherheitsstufen ein. Für Festplatten ist das Maß die Größe der Bruchstücke: je kleiner, desto höher die Stufe. Ob die Magnetisierung auf diesen Bruchstücken noch vorhanden ist, misst die Norm nicht.
Aus Sicht eines Datenrettungslabors ist das physikalisch absurd. Ob eine Scheibe halbiert oder in Millimeterstücke zerkleinert wird – die Information bleibt auf jedem Stück erhalten. Kleinere Stücke machen das Auslesen aufwendiger, aber sie entfernen keinen einzigen Bit. Die sieben Stufen beschreiben, wie mühsam das Zusammensetzen wäre, nicht, ob die Daten weg sind.
Trotzdem gilt die Sicherheitsstufe in Ausschreibungen, in Empfehlungen von Behörden und bei vielen Datenschutzbeauftragten als das Maß der Dinge. Der Grund ist verständlich: Partikelgrößen lassen sich messen, prüfen und bescheinigen. Aber sie prüfen das Falsche.
Was Daten wirklich entfernt
Daten sind erst dann vernichtet, wenn die gespeicherte Information selbst verändert oder zerstört wird:
- Überschreiben – jeder Sektor wird mit neuen Daten beschrieben. Aber Vorsicht: Löschprogramme erreichen nur den Bereich, den die Festplatte dem Computer meldet. Sektoren, die das Laufwerk wegen Lesefehlern ausgetauscht hat (die sogenannte G-Liste), und per HPA ausgeblendete Bereiche bleiben unberührt – mit den alten Daten darauf. Wir haben selbst schon Dateien von Festplatten gerettet, die mit „sicherer“ Löschsoftware mehrfach überschrieben worden waren. Die Einzelheiten stehen in unserem Beitrag zur Datenlöschung. Zuverlässiger sind die Löschbefehle in der Firmware des Laufwerks (Secure Erase, Sanitize), die nach Spezifikation auch ausgetauschte Sektoren erfassen.
- Degausser – ein starkes Magnetfeld zerstört die Magnetisierung der gesamten Scheibe, einschließlich ausgetauschter Sektoren, versteckter Bereiche und der Servospuren. Das Laufwerk ist danach nicht mehr verwendbar.
- SSD und Flash – hier gibt es keine Magnetisierung. Wirksam sind die Löschbefehle des Controllers (Sanitize, kryptografisches Löschen) oder die Zerstörung jedes einzelnen Speicherchips. Ein Flash-Chip ist oft kleiner als ein Partikel der Stufe H-5 und kann einen Schredder unbeschädigt überstehen.
Erst danach kommt die mechanische Zerkleinerung. Sie ist sinnvoll – als zweiter Schritt, der zeigt, dass das Laufwerk nicht weiterverwendet wird. Als einziger Schritt ist sie Scheinsicherheit.
So arbeiten wir
Bei uns wird jede Festplatte zuerst gelöscht, per Degausser oder durch Überschreiben, mit Protokoll über die Seriennummer. Erst danach wird das Laufwerk zerlegt. Brauchbare Teile kommen in unser Spenderlager, der Rest geht sortiert nach Metallsorten ins Recycling.
Auch wir bescheinigen die mechanische Zerlegung nach DIN 66399, weil viele Auftraggeber das für ihre Dokumentation brauchen. Der Schutz Ihrer Daten entsteht aber vorher – durch das Löschen. Beides steht auf unserem Zertifikat. Mehr dazu auf der Seite Festplattenvernichtung.
Was Sie Ihren Dienstleister fragen sollten
Wenn Sie Datenträger vernichten lassen – oder als Datenschutzbeauftragter einen Dienstleister auswählen –, fragen Sie nicht nur nach der Sicherheitsstufe:
- Werden die Datenträger vor der Zerkleinerung gelöscht?
- Womit: Löschsoftware, Firmware-Befehl oder Degausser? Werden auch ausgetauschte Sektoren (G-Liste) und versteckte Bereiche erfasst?
- Gibt es ein Protokoll mit den Seriennummern jedes einzelnen Datenträgers?
- Was passiert mit Flash-Chips und SSDs?
Lautet die Antwort auf die erste Frage „nein, wir schreddern direkt“, sind Ihre Daten nicht vernichtet – nur verteilt.